Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde und die stummen Mahnmale der Erinnerung
Cathrin BlümelHalberstadts verlorene jüdische Gemeinde und die stummen Mahnmale der Erinnerung
Halberstadts jüdische Geschichte wurde im Nationalsozialismus fast ausgelöscht – die einst blühende neo-orthodoxe Gemeinde der Stadt fiel zwischen 1938 und 1942 der Vernichtung zum Opfer. Jahrzehnte später entstanden Initiativen, um der Opfer zu gedenken, darunter Mahnmale im ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge und im Stadtzentrum.
Der Beginn der Zerstörung datiert auf das Jahr 1938, als die Halberstädter Synagoge niedergebrannt wurde – ein Ereignis, das der Pastor Martin Gabriel später als Ausgangspunkt des städtischen Traumas bezeichnete. Bis 1942 wurden die letzten in der Stadt verbliebenen Jüdinnen und Juden vor dem Dom zusammengetrieben, bevor sie deportiert wurden. Nach Kriegsende entstand 1949 auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Langenstein-Zwieberge, wo Zwangsarbeiter gelitten hatten, eine erste Gedenkstätte.
In den 1970er-Jahren wurden die unterirdischen Stollensysteme des Lagers zu einem Militärdepot der Nationalen Volksarmee der DDR umfunktioniert. Die Gedenkstätte selbst wurde 1969 neu gestaltet und diente fortan als Versammlungsort für Jugendkundgebungen und politische Gelöbnisse. Ein weiteres Mahnmal, 1982 eingeweiht, erinnert heute in der Nähe des Doms an die verlorene jüdische Gemeinde Halberstadts.
Der Historiker Philipp Graf untersucht in seinem Buch „Verweigerte Erinnerung“ (Originaltitel: Rejected Legacy), wie die DDR trotz des Wirkens von Persönlichkeiten wie der Sängerin Lin Jaldati, dem Schriftsteller Jurek Becker oder dem Politiker Peter Edel versagte, jüdisches Erbe zu bewahren. Auf neun Kapitel verteilt, enthält die Studie ein Vorwort der Historikerin Yfaat Weiss sowie eine annotierte Bibliografie und dokumentiert so die Lücken in der antifaschistischen Politik der DDR.
Die heutigen Mahnmale Halberstadts sind stille Mahnungen an eine durch Verfolgung ausgelöschte Gemeinschaft. Grafs Forschung zeigt auf, wie es in der DDR an offizieller Anerkennung jüdischer Kultur mangelte – ein Erbe, das bis heute Fragen nach Erinnerung und Verantwortung offenlässt.






