"Nürnberg" zeigt Göring als Mensch – und das Grauen bleibt unvergessen
Cathrin Blümel"Nürnberg" zeigt Göring als Mensch – und das Grauen bleibt unvergessen
Ein neuer Film mit dem Titel Nürnberg beleuchtet die Prozesse gegen NS-Führer 1945 – und setzt den Fokus auf das psychologische Duell zwischen dem Psychiaters Dr. Douglas Kelley und Hermann Göring. Los basierend auf Jack El-Hais Buch Der Nazi und der Psychiater versucht der Streifen, historische Tiefe mit filmischem Erzählfluss zu verbinden. Doch ganz entkommt er nicht der Hollywood-typischen Neigung, die schroffen Kanten der Geschichte zu glätten.
Der wohl eindrucksvollste Moment des Films kommt früh: Fast fünf Minuten ungeschnittenes Archivmaterial aus Konzentrations- und Vernichtungslagern. Diese schonungslosen Bilder verankern die Handlung im Grauen des NS-Regimes, bevor sich der Film dem psychologischen Drama des Prozesses zuwendet.
Russell Crowe liefert eine mitreißende Darstellung als Göring, der mühelos zwischen Charme und Bedrohung wechselt. Seine Interpretation vermeidet die eindimensionale Schurkenrolle, die NS-Themenfilme oft prägen, und zeigt Göring stattdessen als berechnenden, fast menschlichen Charakter. Dieser Ansatz entspricht Hannah Arendts Konzept der Banalität des Bösen – ein Thema, das der Film in seinen Schlussminuten wieder aufgreift.
Doch Nürnberg strauchelt in der Umsetzung. Die Filmmusik schwillt ins Melodramatische an, und der finale Akt setzt auf aufdringliche emotionale Effekte. Diese stilistischen Entscheidungen stehen im Kontrast zur ansonsten nüchternen Darstellung historischer Ereignisse. Kritiker weisen seit Langem auf Hollywoods Schwierigkeiten hin, die NS-Zeit weder zu verharmlosen noch zur bloßen Schau zu reduzieren. Filme wie Die Bücherdiebin oder Operation Walküre sahen sich ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt – mal wegen einer Beschönigung der Gräueltaten, mal wegen einer Vereinfachung komplexer Zusammenhänge.
Trotz seiner Schwächen gelingt dem Film in einem zentralen Punkt der Balanceakt: Er verzichtet darauf, NS-Täter zu Karikaturen zu stilisieren. Stattdessen präsentiert er sie als gewöhnliche Männer, fähig zu außergewöhnlicher Grausamkeit – eine Mahnung, dass Totalitarismus überall entstehen kann, wenn die Umstände es zulassen.
Nürnberg wird kein endgültiges Porträt der Prozesse, setzt mitunter auf künstliche Bildwelten und eine aufdringliche Tonebene. Doch seine Weigerung, die Figuren zu dämonisieren, hebt ihn von vielen Hollywood-Produktionen über diese Ära ab. Der Film hinterlässt beim Publikum eine ernüchternde Frage – nicht über das Monsterhafte der Nazis, sondern über die Leichtigkeit, mit der sich das Böse im Alltäglichen einnistet.






