24 April 2026, 10:32

Pharma-Streit auf Handelsblatt-Tagung: Wer sichert Europas Medikamentenversorgung?

Plakat mit der Aufschrift, dass Big Pharma 2022 Amerikaner zwei bis drei Mal mehr für dieselben Medikamente berechnet hat als andere Länder, mit Bildern von Medikamentenflaschen und einer Spritze darunter.

Pharma-Streit auf Handelsblatt-Tagung: Wer sichert Europas Medikamentenversorgung?

Heftige Debatte auf Handelsblatt-Jahrestagung: Pharmaindustrie und Krankenkassen streiten über Arzneimittelversorgung in Europa

Auf der Jahreskonferenz des Handelsblatts entbrannte eine kontroverse Diskussion zwischen Führungsvertretern der Pharmabranche und Krankenversicherern über die Widerstandsfähigkeit der europäischen Arzneimittelversorgung. Während Industrievertreter vor einer zu starken Abhängigkeit von Drittstaaten warnten, spielten die Kassen die Risiken als übertrieben herunter. Der Austausch offenbarten tiefe Gräben darüber, wie die zukünftige Versorgung mit Medikamenten gesichert werden soll.

Den Auftakt bildete eine scharfe Kritik von Kerem Inanc, Vorstandsvorsitzender von Alliance Healthcare Deutschland (AHD). Er monierte, dass Resilienz in der Logistik oft nur unterstellt, aber nicht aktiv angegangen werde. Sechsmonats-Reserven, so Inanc, lösten das grundlegende Problem der Abhängigkeit nicht.

Thomas Weigold, Deutschland-Chef von Sandoz/Hexal, unterstrich diese Position. Er betonte, dass bloße Gespräche die starke Abhängigkeit Europas von China bei Antibiotika und Generika nicht beheben würden. Stattdessen forderte er eine deutlich größere Eigenständigkeit und bezeichnete das geplante Freihandelsabkommen mit Indien als "absurd". Solche Vereinbarungen könnten zwar kurzfristige wirtschaftliche Vorteile bringen, schwächten aber die langfristige Widerstandsfähigkeit.

Eine gegensätzliche Haltung vertrat Tim Steimle, Pharma-Referatsleiter bei der Techniker Krankenkasse (TK). Nach der Analyse von 47 Prozent der Lieferkette bestätigte er, dass das Regierungsziel von sechsmonatigen Vorräten erreicht worden sei. Zudem habe man Rabattverträge in umfassendere Versorgungsvereinbarungen überführt – mit Ausnahme von Kinderarzneimitteln. Steimle begrüßte das Indien-Abkommen als positiven Schritt.

Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), warnte indes vor Selbstzufriedenheit. Die Bevorratung von Generika sei praktisch kaum sinnvoll, argumentierte er. Stattdessen müsse die Politik Gesundheit, Industrie und Sicherheit als untrennbar verbundene Prioritäten behandeln. Mit Verweis auf die Halbleiterkrise forderte er, Deutschland dürfe sich nicht auf temporäre Reserven verlassen, sondern müsse echte Autonomie anstreben.

Die Konferenz legte die Spannungen zwischen den Forderungen der Industrie nach Investitionen und dem Vertrauen der Kassen in bestehende Maßnahmen offen. Während die einen dringenden Handlungsbedarf sehen, um die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern, halten andere die aktuellen Lagerbestände und Handelsabkommen für ausreichend. Nun stellt sich die Frage, ob Europa künftig kurzfristige Kosteneinsparungen oder langfristige Versorgungssicherheit in den Vordergrund stellen wird.

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