Kardinal Marx warnt: Demokratie braucht mehr als nur Gesetze und Pflichten
Hermann KreuselKardinal Marx warnt: Demokratie braucht mehr als nur Gesetze und Pflichten
Kardinal Reinhard Marx, der Erzbischof von München, hat die zentrale Bedeutung der Religion für demokratische Gesellschaften betont. Bei einem Auftritt in Linz argumentierte er, dass Demokratie auf Menschen angewiesen sei, die aus Solidarität und eigenem Engagement mehr leisten, als das Gesetz von ihnen verlangt. Seine Äußerungen fallen in eine Zeit, in der die katholische Kirche in Deutschland mit einem drastischen Mitgliederschwund konfrontiert ist.
Marx beschrieb Demokratie als ein System, das über bloße rechtliche Verpflichtungen hinaus eine tragfähige Grundlage brauche. Er plädierte für eine Gesellschaft, in der Menschen freiwillig und nicht nur aus Pflichtgefühl einen Beitrag leisten. Dieses "Mehr" – der zusätzliche Einsatz und die innere Freiheit – sei es, was das demokratische Leben erst möglich mache.
Zudem hob er den Sonntag als ein "Denkmal der Demokratie" hervor – einen Tag, der beweise, dass die Gesellschaft mehr schätze als Profit und Effizienz. Seine Vision umfasst Christen, die aktiv am Aufbau der Demokratie mitwirken, im Einklang mit christlichen Lehren, die eine Kultur der maßlosen Überflusses und der Ausbeutung von Menschen ablehnen.
Gleichzeitig räumte Marx ein, dass die Kirche oft hinter ihren eigenen Idealen zurückbleibe. Die Mitgliedszahlen spiegeln diese Krise wider: In den 1960er-Jahren zählte die katholische Kirche in Deutschland noch rund 27 Millionen Gläubige, mit einem Höchststand von 28 Millionen in den 1990er-Jahren. Doch bis Ende 2025 wird die Zahl voraussichtlich auf 19,2 Millionen sinken – nach 19,7 Millionen im Jahr 2024. Allein im vergangenen Jahr traten 307.000 Menschen aus.
Experten sprechen von einem "dramatischen" Rückgang, der auf Massen austritte, eine höhere Sterblichkeit als Geburten oder Neueintritte sowie einen Vertrauensverlust zurückzuführen sei. Studien zufolge ist die Kirchensteuer dabei nicht der Hauptgrund für den Schwund.
Marx' Appell, die Demokratie durch Glauben zu stärken, kommt zu einer Zeit, in der der Einfluss der Kirche schwindet. Angesichts des rapiden Mitgliederrückgangs unterstreichen seine Worte sowohl die Herausforderungen als auch die anhaltende Rolle, die Religion im öffentlichen Leben spielen könnte. Die Zukunft der Kirche könnte davon abhängen, ob es ihr gelingt, sich mit einer Gesellschaft zu verbinden, die ihre Relevanz zunehmend infrage stellt.






